Schreiben sie Briefe

Diese Hauptübung besteht darin, sich bewusst zu machen, wie wichtig Briefe waren und sind. Sie sind handschriftliche Zeugnisse unserer Selbst und zugleich teilen wir in ihnen unser Innenleben mit. Sie sind intime Zeugnisse unserer Gefühlswelt. Briefe werden verschlossen und nur von jener Person gelesen, für die sie bestimmt sind. Das ist faktisch und Prinzip die Regel ohne Fälle, welche die Ausnahme bestätigen könnten. Dadurch bekommen diese Schriftzeugnisse etwas Geheimes. Es liegt in ihrer Natur, dass sie uns von der intimsten Seite zeigen. Sie schmeicheln rückwirkend betrachtet oft dem Ich, aber das macht nichts.

Am schönsten sind Liebesbriefe, mit ihrem Staunen, ihren kleinen Eifersüchteleien, ihren Werben und ihrer großen Sehnsucht, dem Wunsch im Du das eigene blühende Ich widergespiegelt zu finden. Es ist alles darin: Naturbezogenheit, Wetterdienst, Staunen und Raunen, Irrungen und Wirrungen, der innere Garten in voller Blüte, Märchen, Heiratswünsche, Selbstverliebtheit und vor allem viel, viel Gefühl und der Wunsch nach Liebe, als einen Zustand, den es ewig aufrechtzuerhalten gilt.

Ich habe keine gute Erfahrung mit Liebesbriefen gemacht, habe einige verbrannt, nachdem ich sie wieder ausgehändigt bekam. Einige sind noch in schönen Händen, ich hoffe, dass sie nie in die Öffentlichkeit gelangen werden. Nun: das taubenähnlich-kreisende Werben stieß auf Widerstand, war zu viel und wurde als Lächerlichkeit im Sinne von nötigendem und unnötigen Leichtsinnigkeit abgetan. So weiß ich nicht mehr was darin stand, vielleicht auch besser, da ich selbst, in meiner Gefühlswelt verstrickt,  überfordernd war und das ist lästig. Liebe kann man nicht erzwingen, auch wenn man sie ausleben will und sich sicher ist, dass es das genannte Gefühl ist. Liebe macht eben mitteilsam. Liebe ist Höchststimmung.

Am besten man ist Stratege seiner Gefühle, zu empfehlen ist dabei „Entweder – Oder“ von Kierkegaard, darin „Das Tagebuch des Verführers“.

Doch schreibe ich immer noch Briefe. Ich kann sie nun in ruhigem Gewissen veröffentlichen, da sie mich nicht bloßstellen, sondern ich darin eine Strategie verfolge. Ich gebe darin nämlich etwas preis, was keine „technoid-verseuchte Klappertastenkultur“ kann. Noch schlimmer ist, das neue, flache Telefon, mit seinen Verschiebetendenzen, seinen Tendenzen des Festhaltens, der simulierten Sicherheit, seinen mäusleinartigen Klopfzeichen und auch mit seinen beherzte Gesichtsausdrücke veranlassenden Botschaften, wogegen anderseits nichts einzuwenden ist. Aber: das Leben wird zu einer Chimäre, zu einer Preisgabe und Preisbestimmung seiner Selbst. Und zu einer egozentrierten Absolutheit in der simulierten Omnipräsenz = All-Gegenwart. Die eigene Handschrift hingegen ist Fingerabdruck der Seele. Und nahe dem Seelischen eine Seins-Kultur. Und sie bietet in der Möglichkeit der Denkraumschaffung nach Aby Warburg eine prinzipielle Seinserweiterung. Das Seiende als eine nie, endgültig mit Worten zu füllende Erscheinung des Seins als absolute Gesamtheit.

Es klappern die Tasten
wie Knochen in Fingern
wie Schreihals gebrochen
wie Schach mit nur Springern

Klapper, Klapper, die Klapper, Sapper
Leuchtwurm gekrochen
hat Lunte gerochen
zum Schein trügt das Sein.

In der Schnittstelle Carlfriedrich Claus zum Dank, der größte Meister auf diesem Feld.

 

 

Hier ein Beispiel: der „Brief an den Buchhändler“ – Versuch einer Poetologie.