Die Bewusstmachung des „Eigenen Ichs“:

Das Ich ist das größte Rätsel, das den Menschen nach seiner Geburt begleitet. Denn gleich nach der Geburt und nach dem Abtrennen der Nabelschnur ist er ein Ich mit all seinen Ausdrucks- und Steigerungsfähigkeiten zum Es und Über-Ich; vielleicht. Das Ich wächst mit dem Bewusstsein. Das Ich isoliert den Menschen von allem und verbindet ihn, zugleich mit allem. Nie kann der Mensch wirklich sagen, wer er eigentlich ist und doch ist er ein Ich. Er könnte alles sein außer sich selbst und selbst in Ich-losen Beschreibungen glaubt das gefühlsgesteuerte Ich manchmal im Du ein Ich zu sein. „Ich ist ein Anderer“, hat Arthur Rimbaud kühn behauptet. Keine Eigenschaft des Menschen ist so schnell irgendwo anders wie das Ich. Ich kann sagen „ich bin ich“, aber auch gleichzeitig „ich bin ein Berg“, „ich bin ein Planet“, „ich bin der Kosmos“, im Größenwahnsinn aufgehend. Das Ich führt zur Definition der Metapher des eigenen, stetig wandelbaren Seins. Es ist das Ich, das durch das Wie, auch bezüglich wie man sich fühlt, den Menschen mit etwas Höherem und etwas Kleinerem verbindet, als er im Ich eigentlich wirklich ist. Ich das ist Erlebnis. Doch kann das Ich nur in mir existieren, aber in der Einbildung überall sein, alles sein, solange ich bin. Das Ich ist entgrenzend und zugleich der größte Betrug, mit dem der Mensch ausgestattet worden ist.
Es ist sehr wesentlich sich des eigenen Ichs bewusst zu werden. Unerschöpflich sind die Spielereien.

Was ist die Wahrheit?

Nur das Ich
kann sagen wer ich bin

kann tragen mich
in dieser Welt

kann Augen geben mir
erhaschend einen tieferen Sinn.

Ich bin ein Baum
hab Wurzeln, Heimat
ich bin ein Stein
so schwer mein Herz
ich bin Metall
ganz stählern, Knochen
ich bin ein Docht
der Kerzen Wegspur

Ich bin gespalten
die Axt, der Staat
ich bin ein Loch
ein schwarzes Saugen
ich bin ein Nichts
kein Geld, kein Staunen
ich bin ein Kind
flieg mit dem Wind

Ich bin der Spruch
der sich verspricht
ich bin amorph
die Form ist Täuschung
ich bin die Kraft
die schlafend wandelt
ich bin Atom
der Teilchen tanzen

Ich bin sehr kalt
dem Lieben fremd
ich bin ein Wuchs
von langen Beinen
ich bin gedrechselt
nach Gottes Plan
ich bin Idee
des Lebens Wehen

Ich bin in Not
brauch die Erklärung
ich bin recht durstig
nach Quellen Klarheit
ich bin frankiert
bin abgestempelt
ich spreche leise
zu laut in mir

Ich drehe Kreise
tanz wie ein Derwisch
ich ziehe Schleifen
auf Tuch und Blatt
ich bin ein Denker
Ideen-Verschenker
ich bin Opiat
der Saft des Schlafes

Ich bin zerzaust
Zigeunerleben
ich bin vom Teufel
das Horngeprange
ich bin auf der Leier
der dornige Fleck
ich bin in der anderen Seele
der schlammige Dreck

Ich bin beseelt
von Geisterschleiern
ich seh auf Wänden
Schattenschlieren
ich sammle Töpfe
bewahre Köpfe
und reime stets
so frei wies gehts.

Doch was schreiben andere über mich? Wie fühle ich mich?

Im Du das Ich finden.

So lest nun dieses Gedicht:

Das Krokodil von Singapur

Im heil’gen Teich zu Singapur
Da liegt ein altes Krokodil
Von äußerst grämlicher Natur
Und kaut an einem Lotusstiel.

Es ist ganz alt und völlig blind,
Und wenn es einmal friert des Nachts,
So weint es wie ein kleines Kind,
Doch wenn ein schöner Tag ist, lacht’s.

Hermann von Lingg, 1856.

Oder vielleicht
dreht sich
ein Kind um

es lacht
zeigt den Schlamm
auf kleinen Fingern

sagt Pampe
Händflächlein klein
voll Pampe

sagt Matsche
in das kahle Nichts
meiner Selbst

sagt Patsche
Matsche

macht Patsch
Matsch

seltsame Wege
ein Storch
durchkreuzt den Himmel

fliegen
müsste man
wie Engel dem Sturmwind hinterher

weh  ef
weif
die Flaggen klirren lautlos

ich bin

Sein

dahin

Weiterer Versuch:

Ich kenne Prinzessinnen
meide Prinzen
wasche Fürsten
aus meinen Laken

Ich lache sie aus
sie Kaiser, Könige
mit ihren Leichen
im Nacken blind

Ich grüße Tote
versteh die Krähen
die wie die Nacht
vom Himmel preschen

Ich sag den Knochen
sie sollen aufstehen
die vielen Toten
die um mich tanzen

Ich löse Banden
um nicht zu sinken
in tiefem Abgrund
zu ertrinken

Ich banne Seelen
um nicht zu sehen
wie Einsamkeit
mich hält umschlossen

Ich schreibe Wege
die immer gleichen
um nicht zu wenden
des Lebensspur

Ich bin zu müde
um noch zu leben
und leben lass ich
in mir Natur

 

Weiter Ich-Spielerei:

Ich liebe in den Ballen

den Schneemann

verdichtet

zu einem Selbst

kalt schwingend

wie Metall

Rose der Einsamkeit

ich

der die Wege

nicht überfliegt

die Züge nicht nimmt

vor Ehrfurcht

vor Angst

wie ich sah

zeitlos die Grausamkeiten

ich

schreie nicht

nicht Schlachten

will ich züchten

trinke Wein wie Tee

Tee wie Wasser

verknotete Zunge

vor Auroras Erwachen

ich

sehne nicht

schaue nicht hin

halte starr den Blick

halte Welt

in mir fest

sage nicht

dein du Willkommen

ich

zögerndes Beginnen

so geht es nicht

so ist Vielfalt

ein wurzelloses Bedrängen

so fällt der Weisheitszahn

in einem Buch

voll dunkler Reisen

ich

halte das Licht

des Mondes in mir fest

ich schlafe

wie Steine rund gerollt

von der Strömung

des Wassers

der Zeit, mein Ich

und ich?